Horst Seeblick

Der Beckenadler. Neues aus dem Hallenbad.

©️jott

Horst Seeblick, genannt der Beckenadler, thront braungebrannt wie ein Bratgockel in seinem Glaskabinett.

Er kaut Kaugummi. Dabei zeigt er eine Ausdauer, von der die Schwimmjugend nur träumen kann.

Horst ist leicht adipös. Seinen Rettungsring trägt er fest am Körper. Er ist nicht in der Inventarliste aufgeführt, erfüllt aber nach eigener Einschätzung sämtliche Sicherheitsanforderungen.

Woher seine Bräune stammt, ist ungeklärt. Den Glaskasten verlässt er nur im äußersten Notfall. Was ein äußerster Notfall ist, bleibt Auslegungssache. Horst legt streng aus.

Warum Bademeister grundsätzlich in Glaskästen sitzen, weiß niemand so genau. Horst hält diese Einrichtung für eine der sinnvollsten Errungenschaften des öffentlichen Dienstes: freie Sicht auf sämtliche Becken bei größtmöglicher Schonung der eigenen Nerven.

Hinter der Scheibe hört er seinen Lieblingspodcast „Die Chloriker“. Er betrachtet das als berufliche Fortbildung und akustische Gefahrenabwehr zugleich.

Vor einigen Jahren geriet Horst in eine ernsthafte berufliche Krise. Die Betriebsleitung hatte ihm zusätzlich die Aufsicht über das Planschbecken übertragen.

Ohne personelle Verstärkung.

Horst protestierte. Das Planschbecken war seiner Auffassung nach ein eigenständiges Gewässer mit völlig unberechenbarer Gefahrenlage.

Es beherbergte ausschließlich Nichtschwimmer, die sich beharrlich weigerten, diesen Umstand als Problem anzuerkennen. Dazu Gießkannen, Quietscheenten und Eltern mit ungeklärter Rückkehrabsicht.

Die Betriebsleitung verwies auf die geringe Wassertiefe.

Horst auf die erschreckende Höhe seiner Verantwortung.

Er beantragte zusätzliches Hilfspersonal.

Abgelehnt.

Als Kompromiss schlug er einen zweiten Glaskasten vor.

Fürs Planschbecken.

Horst Seeblick. Ein Mann am Rande der Belastbarkeit.

Text und Illustration: C. Jendrike
Grundidee und Textskizze: M. Bommer


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Herz auf spitzer Zunge.
TYPISCH!
jott