Aus der Küche – Folge 2

Eine Frage des Niveaus
„Wir beginnen mit Rüdiger“, bestimmt Isolde.
„Okay“, sage ich und greife zum Stift.
„Das entspricht auch deinem Niveau“, bemerkt Ferdinand Emanuel. „Mich zu zeichnen erfordert schon etwas mehr Geschick. Allein meine Ausstrahlung.“
„Die kriegen wir mit einem besonders dicken Stift hin“, sagt Isolde.
Ferdinand Emanuel schweigt beleidigt.
Rüdiger steht Modell. Seine Antenne ist leicht verbogen, die Arme hängen etwas unentschlossen herunter. Er sieht aus, als hätte man ihm gerade die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung übertragen.
Walter landet auf meiner Schulter, zückt seine Ukulele und trällert Sarah Connor. Auf Badisch. Er singt von Farben, Narben und der Schönheit des Unvollkommenen.
„Isch doch wahr, gell!“, versichert er mir zwischen zwei Akkorden. „Des muss mer au mal sage dürfe!“
Ferdinand Emanuel verdreht die Augen.
„Kunst“, sagt er, „hat schließlich auch etwas mit Anspruch zu tun.“
Walter spielt unbeirrt weiter. Ein Akkord klingt verdächtig nach einem Auffahrunfall.
Der Koch sagt nichts. Er sitzt am Tisch, die Kaffeetasse in der Hand, und schaut mich über deren Rand hinweg an.
Isolde betrachtet ihn kurz, dann übernimmt sie das musikalische Programm.
Ideal. Blaue Augen.
Sie singt mit der Entschlossenheit einer Pinguinin, für die der Rest der Welt gerade seine Bedeutung verloren hat.
Walter begleitet sie auf der Ukulele. Rhythmisch unabhängig.
„Könnten wir uns jetzt bitte wieder der Kunst widmen?“, fragt Ferdinand Emanuel.
„Tun wir doch“, sagt Isolde.
Rüdiger verliert seine Antenne.
Der Koch trinkt Kaffee. Ich auch. Dazu zwei Gelomyrthol. Sonntagfrühstück.
Isolde stimmt einen Schlager an:
„Atemlos durch die Nacht, was Bronchitis halt so macht.“
Walter greift begeistert in die Saiten.
„Des isch endlich mol a Lied mitten aus em Läbe, gell!“
Ich huste.
„Auch rhythmisch noch ausbaufähig“, bemerkt Ferdinand Emanuel.
Der Koch schenkt Kaffee nach.
„Im Herbstlicht schmilzt Eis. Amarena tropft langsam. Kirschrot bleibt zurück.“

Schreibe einen Kommentar