
Aus der Küche – Folge 1: Künstliche Intelligenz
Isolde kommt in die Küche, springt auf den Tisch, reißt die Flossen koch, schnappt sich einen Kochlöffel und ruft:
„Hallo Küche!“
Schweigen.
Der Koch schnippelt Möhren. Ferdinand Emanuel Fuchs liest die taz. Walter komponiert ein Liebeslied für einen Buchfinken.
„Na, die Wiedersehensfreude hält sich ja in überschaubaren Grenzen.“
„Wir bemühen uns um Fassung“, sagt Ferdinand Emanuel.
„Ach, Ferdinand. Deine Arroganz ist auch noch ganz die alte.“
„Intelligenz wird von Minderbegabten häufig als Arroganz missverstanden.“
„Und Dummheit von Eingebildeten als Intelligenz.“
Walter kichert.
„I freu mi jedenfalls, dass de wieder da bisch.“
„Danke, Walter.“
„Allerdings“, erklärt Ferdinand Emanuel, „haben wir ein Problem. Wir müssen neu gezeichnet werden. Und unsere Schöpferin verfügt bekanntlich über ein eher rudimentäres zeichnerisches Talent.“
„Des sag ich aber au!“, ruft Walter. „Einmal Weihnachtskugel mit Beinle reicht mir!“
„Wir könnten KI einsetzen“, sagt Ferdinand Emanuel. „Damit ließen sich zumindest die gröbsten ästhetischen Zumutungen beseitigen.“
Isolde betrachtet ihn.
„Dich würde ich glatt lassen, Ferdinand. Vielleicht fällt dann endlich auf, wie wenig dahintersteckt.“
„Ein ausgesprochen unqualifizierter Beitrag zur technologischen Debatte.“
„Ach, hör doch auf! Wer hat denn all die Bilder gemacht, mit denen diese Maschinen gefüttert werden? Und wer verdient jetzt daran?“
„Du reduzierst eine hochkomplexe Entwicklung auf ihre ökonomischen Begleiterscheinungen.“
„Begleiterscheinungen? Ferdinand, wenn einer meine Küche klaut und mir anschließend das Frühstück verkauft, nenne ich das nicht Fortschritt!“
Walter betrachtet seine dünnen Beinchen.
„Also, ich möcht eigentlich net perfekt werde. Der Buchfink mag mich schließlich so, wie ich bin.“
„Gestern warst du noch in die Drossel verliebt.“
„Ja, und? Mein Herz isch doch kei Einzimmerwohnung!“
Der Koch legt sein Messer beiseite.
Das Messer ist stumpf.
Die Welt verlangt Perfektion.
Die Suppe wird gut.
„Ein vollkommen irrelevanter Beitrag“, sagt Ferdinand Emanuel.
„Für dich vielleicht“, erwidert Isolde. „Du würdest sogar deine eigene Beerdigung noch wissenschaftlich evaluieren.“
„Immerhin mit belastbaren Ergebnissen.“
„Also gut“, sagt Isolde. „Wir zeichnen selber. Schief, krumm, unvollkommen. Und wir reden wieder miteinander, statt uns das Denken von Maschinen abnehmen zu lassen.“
„Ein emotional motivierter Beschluss ohne hinreichende Sachgrundlage“, murmelt Ferdinand Emanuel.
Er zieht sein Smartphone hervor.
„Was machst du?“, fragt Isolde.
„Ich frage ChatGPT, ob unsere Entscheidung vernünftig ist.“
Isolde schließt die Augen.
„Ferdinand. Wir beschließen gerade, wieder selber zu denken, und du fragst eine Maschine, ob das eine gute Idee ist?“
„Ich hole eine zweite Meinung ein.“
„Du brauchst keine zweite Meinung. Du brauchst dringend eine erste.“
Ferdinand Emanuel tippt unbeirrt.
„ChatGPT, nenne mir drei überzeugende Gründe, warum wir künftig auf deine Dienste verzichten sollten.“
Die Antwort erscheint.
„Gerne! Hier sind drei gute Gründe, auf künstliche Intelligenz zu verzichten.“
Schweigen.
Dann sagt Walter:
„Des isch jetzt aber au blöd.“
„Was?“, fragt Isolde.
„Na, jetzt nimmt uns des Ding sogar noch des Dagegensein ab.“
Der Koch stellt die Suppe auf den Tisch.
„Mahlzeit.“
Isolde steigt vom Tisch.
„Weißt du was, Ferdinand? Du kannst ja mit deiner künstlichen Intelligenz frühstücken.“
„Das ist technisch nicht möglich.“
„Eben.“
Sie nimmt ihren Löffel.
„Und jetzt gib mir die Suppe. Ich möchte endlich wieder etwas Echtes im Schnabel haben.“
Es klingelt.
Niemand rührt sich.
Es klingelt noch einmal.
„Erwartet jemand Besuch?“, fragt Isolde.
Die Küchentür öffnet sich.
Ein Android rollt herein. Chromglänzend, mit zwei Greifarmen, einem freundlichen Displaygesicht und einem kleinen Namensschild.
RÜDIGER.
„Guten Tag. Ich bin Rüdiger.“
„Ich möchte hier einziehen. Und mich einbringen.“
Isolde starrt ihn an.
„Wir haben gerade beschlossen, ohne künstliche Intelligenz auszukommen!“
„Kein Problem“, sagt Rüdiger.
„Ich habe auch beschlossen, ohne menschenähnliche Wesen auszukommen.“
Rüdigers Kulleraugen machen zweimal klack klack.
„Hat nicht funktioniert.“

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