Ministerin für Sowohl-als-auch-Angelebenheiten im In- und Auswärtigen

Mirabelle hält sich für eine stille Intellektuelle. Das stimmt, solange niemand etwas Interessantes sagt.
Dann wird sie laut, leuchtend und gelegentlich wissenschaftlich unhaltbar.
Ihr Ministerium ist zuständig für ungeklärte Zwischenzustände, unvorhergesehene Begeisterungen, innere Auslandsreisen und sämtliche Angelegenheiten, die eigentlich niemanden etwas angehen.
Der Dienstsitz wechselt. Meistens befindet er sich irgendwo zwischen Kopf und Bauch, gelegentlich auch auf dem Weg zum Bäcker.
Das Ministerium unterhält ein Bundesamt für ungelebte Möglichkeiten, ein Referat für spontane Richtungswechsel sowie die Zentralstelle für vorläufig endgültige Entscheidungen.
Letztere ist chronisch überlastet.
Mirabelle sammelt ungewöhnliche Menschen, angefangene Notizbücher und Gedanken, die sich nicht benehmen können. Ihre Einfälle kommen grundsätzlich unangemeldet, meistens zu mehreren und selten mit einem vernünftigen Zeitplan.
Sie kann sich jahrelang mit einer einzigen Frage beschäftigen. Oder nach sieben Minuten das Interesse verlieren. Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern das Funkeln.
Im Innenministerium residiert ihre Staatssekretärin für Ablehnungsbefürchtungen, eine humorlose Dame mit umfangreicher Bedenkensammlung. Sie hat kürzlich eine Verordnung zur Genehmigung spontaner Begeisterungsäußerungen entworfen.
Mirabelle hat sie begeistert unterschrieben.
Mit einem Gedicht.
Im Auswärtigen werden unterdessen diplomatische Beziehungen zu fremden Gedanken aufgenommen. Einige haben bereits Asyl beantragt.
Mirabelle möchte verstanden werden, aber keinesfalls vollständig durchschaubar sein. Sie möchte dazugehören, ohne sich anzupassen.
Und sie möchte endlich einmal etwas konsequent zu Ende bringen.
Andererseits hat sie gerade eine neue Idee.
Die nächste Kabinettssitzung wurde deshalb auf irgendwann vorverlegt.
Ihr Wahlspruch: „Ich bin nicht widersprüchlich. Ich bin vielseitig zuständig.“

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