Die Mitte ist ausverkauft
Ich will einen Tag, der keine Schlagzeile verdient.
Keinen Weltuntergang. Keine Sternstunde. Keinen Dreiwortsatz, der gleich als genial durchgeht.
Einen Tag, den ich weder feiern noch überstehen muss.
Mittelmaß, bitte. Einfach stinknormales Mittelmaß.
Dass sich das inzwischen wie ein Luxuswunsch anfühlt, ist vielleicht schon das Problem.
Im Moment fühle ich mich wie das zerstörte Rathaus in Limoges. Die eigene Vergangenheit beschäftigt mich. Nicht gerade oberflächlich. Und während ich versuche, zwischen den Trümmern den Überblick zu behalten, überschlägt sich draußen die Welt.
Alles ist großartig. Sensationell. Einzigartig. Unfassbar. Oder unerträglich, dramatisch, katastrophal.
Dazwischen? Fehlanzeige.
Ein Kochlöffel ist genial, weil er tatsächlich Suppe umrühren kann. Ein mittelmäßiger Gedanke wird zur philosophischen Offenbarung. Jeder ist besonders, jeder ist großartig.
Hallo? Geht’s noch?
Ich brauche keine Versicherung meiner Großartigkeit, wenn ich gerade Mühe habe, mich selbst auszuhalten.
Ich brauche einen Maßstab.
Woran erkenne ich, was gelungen ist und was nicht? Was weh tut und was tatsächlich eine Katastrophe ist? Was sich ändern lässt und womit ich leben muss?
Wenn alles außergewöhnlich, mega und genial ist, ist irgendwann nichts mehr außergewöhnlich.
Und wenn jede Unannehmlichkeit zur Katastrophe erklärt wird, was machen wir dann mit den wirklichen?
Ich frage mich inzwischen, ob wir nicht gerade dabei sind, uns mit unserer eigenen Sprache die Wirklichkeit zu verstellen.
Wir verteilen Superlative und Emojis wie Werbeprospekte. Alles verdient Bewunderung, jede Befindlichkeit höchste Aufmerksamkeit. Bloß nichts mehr nüchtern betrachten. Bloß niemandem zumuten, dass etwas einfach nur durchschnittlich ist.
Dabei ist Durchschnittlichkeit keine Niederlage. Und nicht jede Enttäuschung eine Zumutung.
Das Problem ist doch, dass wir damit jede Verhältnismäßigkeit verlieren.
Wir machen aus Belanglosigkeiten Ereignisse und aus existenziellen Problemen einen Dauerzustand.
Ein Kochlöffel wird gefeiert. Wohnungsnot wird verwaltet. Wir überschlagen uns vor Begeisterung über Nichtigkeiten und haben uns gleichzeitig daran gewöhnt, dass Menschen trotz Arbeit kaum über die Runden kommen.
Merkt eigentlich noch jemand, wie grotesk das ist?
Ich habe mich gefragt, wie Menschen früher mit Unzufriedenheit und Unsicherheit umgegangen sind. Was Gesellschaften zusammengehalten hat und was sie schließlich auseinandertrieb.
Die historischen Zeugnisse sind erstaunlich eindeutig, zumindest in einer Hinsicht: Die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse haben sich kaum verändert.
Ein Dach über dem Kopf. Genug zu essen. Frieden. Beziehungen. Gerechte Behandlung. Die Möglichkeit, das eigene Leben wenigstens ein bisschen beeinflussen zu können.
Und nicht ständig das Gefühl, für dumm verkauft zu werden.
Keine besonders extravaganten Ansprüche.
Wir brauchen keine permanente Begeisterung. Wir brauchen Verlässlichkeit. Wir müssen wissen, woran wir sind. Ob unser Handeln etwas bewirkt. Ob Worte noch etwas bedeuten.
Denn was nützt mir die ständige Versicherung, großartig zu sein, wenn meine eigene Wahrnehmung etwas völlig anderes sagt?
Was nützt einer Gesellschaft das Gerede von Zusammenhalt, wenn sich immer mehr Menschen fragen, wo sie eigentlich noch dazugehören?
Und was nützen all die schönen Worte, wenn sich an den tatsächlichen Lebensbedingungen nichts ändert?
Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen dem, was mich persönlich gerade umtreibt, und dem, was draußen passiert.
Nicht darin, dass meine innere Unordnung mit Krieg, Armut oder gesellschaftlichem Zerfall gleichzusetzen wäre.
Sondern in diesem verdammten Verlust der Verhältnisse.
Wenn Worte nicht mehr zu Erfahrungen passen, wenn Anerkennung inflationär wird und tatsächliche Not zur Randnotiz, verliert man irgendwann die Orientierung.
Und ohne Orientierung wird aus Unzufriedenheit leicht Ohnmacht. Aus Ohnmacht Rückzug. Oder Wut.
Wir müssen nicht alles dramatisieren, um es ernst zu nehmen. Und nicht alles bejubeln, um es wertzuschätzen.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir wieder den Mut hätten, Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Auch die unspektakulären.
Ich möchte jedenfalls nicht jeden Tag zwischen Genialität und Weltuntergang wählen müssen.
Ich möchte mich freuen können, ohne gleich begeistert zu sein. Traurig sein dürfen, ohne dass daraus ein Drama wird. Etwas gut finden, ohne es für brillant zu halten.
Und vor allem möchte ich wieder wissen, was eigentlich normal ist.
Im Kleinen wie im Großen.
Heute wäre ich mit einem mittelmäßigen Tag vollkommen zufrieden.
Ich würde ihn nicht einmal genial nennen.
Versprochen.

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